In Allgemein

Die digitale Innovation hat sich längst von Produktlebenszyklen für industrielle Anlagen abgekoppelt. Trotzdem beschaffen viele Unternehmen auch komplexe Systeme wie physische Güter. Das führt zu Problemen, die weit über den Beschaffungsprozess hinausgehen. Denn Software-Beschaffung unterscheidet sich grundlegend von der Beschaffung von Maschinen, Anlagen oder Häusern. Wer die Unterschiede versteht und berücksichtigt, leistet einen wichtigen Beitrag für den Erfolg der eigenen Software-Vorhaben.

Eine Software-Beschaffung ist kein Hausbau

Jedem ist klar, dass die Entwicklung von Software anderen Gesetzen folgt als die von Maschinen. Anders wären das hohe Entwicklungstempo und die hohe Zahl an Innovationen in der Software-Branche nicht möglich. Trotzdem basiert die Beschaffung von Software in vielen Unternehmen heute noch auf der Wahrnehmung und der Methodik der Beschaffung von physischen Gütern. Selbst auf die Evaluation spezialisierte Berater setzen auf Methoden, die aus der Zeit stammen, als Software als ein Paket auf CD geliefert wurde.

Software-Projekte werden dabei implizit mit dem Bau eines Hauses verglichen: Es gibt einen Plan (Spezifikation), Rahmenbedingungen (Projektanforderungen), ein Fundament (Software-Architektur), Heizung, Elektrik (Businesslogik), Anforderungen an Design und Funktionalität usw. In diesem Bild wäre die Neuentwicklung einer Software ein individuelles Gebäude. Und die Einführung eines Software-Produkts, eines CRM- oder ERP-Systems, entspräche einem Fertighaus mit Anpassungen.

Software-Projekte funktionieren grundlegend anders als ein Hausbau. Die folgende Tabelle zeigt einige wichtige Unterschiede:

Haus Software
Erfordert wenig Engineering und viel Umsetzung (10% / 90%) Erfordert viel Engineering und wenig Umsetzung (80% / 20%)
Die Anforderungen ändern sich selten Die Anforderungen ändern sich häufig
Bleibt nach dem Bau weitgehend unverändert Wird stetig weiterentwickelt
Funktioniert ohne Kooperation mit dem Architekten Funktioniert nur in Kooperation mit dem Anbieter
Die Bauordnung und die Eigentümer stellen
Anforderungen an ihr Haus
Eigentümer, Anwender, Kunden, IT-Abteilung,
Rechtsabteilung uvm. stellen
Anforderungenan an die Software
Statisches Umfeld Dynamisches Umfeld

Software-Beschaffung muss mit Dynamik umgehen

Veränderungen sind nicht die Ausnahme sondern die Regel

Die agile Software-Entwicklung entstand auch, weil offensichtlich wurde, dass das Veränderungen in Software-Projekten die Regel und nicht die Ausnahme sind. Das hat mehrere Gründe.

Organisationen verändern sich laufend

Vor einiger Zeit durfte ich eine ERP-Evaluation in einem mittleren Industriebetrieb begleiten. Das Projekt hatte sich bereits über zehn Monate hingezogen. In dieser Zeit hatten die drei grössten Kunden des Unternehmens die Anforderungen im Bestell- und Lieferprozess zusammen fünfmal grundlegend geändert oder ergänzt. Das Projektteam musste die Änderungen in der Spezifikation jedesmal bis ins Detail nachführen und neu verteilen. Und das ist nur ein Beispiel.

Der Wandel ist der „Normalzustand“. Das ändert sich auch dann nicht, wenn eine Business Software evaluiert oder eingeführt wird.

Neue Technologien erlauben Anbietern, Software schneller bereitzustellen

Früher stellten Software-Anbieter ihren Kunden pro Jahr in der Regel ein neues Major-Release und einige kleine Updates zur Verfügung. Heute können sie ihren Kunden in wesentlich kürzeren Abständen neue Versionen ihrer Software bereitstellen (kumulative Updates). Gleichzeitig wird es für Kunden einfacher, neue Funktionen zu testen und auszurollen. Was hilft es dem Kunden, wenn der System-Anbieter zwar neue Funkionen entwickelt, diese jedoch erst in neun Monaten bereitstellt? Eine schnelle Entwicklung und Bereitstellung ist sowohl im Interesse der Kunden als auch der Systemanbieter. Das Software-Produkt unterliegt somit ebenfalls einem permanenten Wandel.

Wie Sie mit Veränderung umgehen, entscheidet sich in Evaluation und Vertragsgestaltung

Wer Software, wie beim Hausbau, als Werk versteht, das einmal fertiggestellt und kaum mehr angepasst wird, wird es mit Veränderungen immer schwer haben. Wer einen Software-Pflege-Vertrag abschliesst, der sich am ursprünglich  spezifizierten System orientiert, fährt einen Ansatz für statische Organisationen mit statischer Software. Es mündet in den Versuch, „Moving Targets“ durch Change Requests zu treffen. Change Requests sind eine langsame, aufwendige und teuere Art, mit Veränderungen umzugehen.

Wer Software-Projekte als Kooperation betrachtet, in der es darum geht, Veränderungen zu gestalten und Risiken zu bearbeiten, erspart sich viel Schweiss und Tränen.

6 Tipps für moderne Software-Beschaffung

In der modernen Software-Beschaffung werden Software-Partner früh in dem Projekt involviert. Dadurch wird neben der Spezifikation der Software (was wollen wir erreichen) die Zusammenarbeit (wie erreichen wir es) stärker ins Zentrum gerückt. Der Software-Partner erhält ein klares Bild ihres Vorhabens und der dahinterliegenden Bedürfnisse. Er kann seine Leistungen besser an den erwarteten Wertbeiträgen ausrichten und übernimmt wichtige Rollen im Umgang mit den Risiken.

Hier die sechs wichtigsten Schritte zu einer modernen Software-Beschaffung:

  1. Richten Sie das gesamte Software-Projekt an ihren Geschäftszielen aus (Was sind die Wertbeiträge?)
  2. Priorisieren Sie fortlaufend und konsequent (anhand des Nutzens für Ihre Geschäftsziele)
  3. Spezifizieren Sie in der Evaluation soviel, wie sie für die Auswahl des Systempartners brauchen. Die Details spezifizieren Sie wesentlich besser, wenn sie Konzepte und Technologien Ihres Software-Partners kennen
  4. Definieren Sie die Art der Zusammenarbeit mit dem Systempartner durch Werte, Prinzipien und Praktiken
  5. Regeln Sie im Vertrag den Umgang mit Veränderungen und Risiken
  6. Etablieren Sie ein wirksames Framework mit Rollen, Prozessen, Phasen, Inspektionen und Abnahmen
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